KÖRPERWELTEN

(Somasynthese)

Eigentlich sollte man meinen, dass das Verschmelzen von menschlichen Leibern eine hocherotische und - wie soll man sagen: grundharmonische Angelegenheit ist. Nicht umsonst kulminiert der Höhepunkt eines jeden Kitsch- und Liebesromans, nachdem sich das Liebespaar allen möglichen (und gerne auch unsäglichen) Prüfungen unterzogen hat, in dem Satz "... und ihre heißen Körper verschmolzen miteinander ...". Jaaa, das ist doch wohl lecker und wunderwunderschön, oder?
Nö, ist es nicht.
Zumindest nicht immer oder nicht immer so wirklich durch-harmonisiert und -erotisiert.
 
Denn die (virtuelle) Bearbeitung des menschlichen Körpers führt zu Ergebnissen, die manchmal eher verstörend als harmonisch wirken und eher Widerwillen als Libido schüren. Das aber gewollt.

In der Fotografie zum Beispiel hat Asger Carlsen in seiner Reihe "Hester" Körper und Körperteile von weiblichen und männlichen Akten zu etwas Neuem zusammengesetzt. Diesen aus lauter Extremitäten neuerschaffenen Körpergebilden fehlen zudem die Gesichter, wodurch sie nicht nur anonym wirken, sondern auch seltsam entseelt und - trotz ihrer menschlichen Züge - artifiziell. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass die Objekte nicht bloß nackt, sondern sogar vollkommen haarfrei sind und die dargestellten Körperöffnungen zu von jedweder Erotik entzauberten Ausscheidungsorganen werden. Wobei es zum Teil überhaupt erst nach mehrfachem Hinsehen zu erkennen ist, dass es sich einmal um menschliche Körper gehandelt hat.
So wirken die Körperobjekte zwar verstümmelt, missgebildet und verwachsen und erinnern an Contergan-Geschädigte oder gar Folter- oder Minenopfer. Trotzdem - und das ist das eigentlich Verwirrendste in all diesem Verstörenden - entsteht eine eigene Ästethik, die per se nicht abschreckend ist, sondern fasziniert und die Frage aufkommen lässt, was wahre (äußere) Schönheit ausmacht.



Ähnlich irritierend ist der Videoclip von Regisseur Saam Farahmand für den aktuellen Klaxons-Titel "Hester": Farahmand liefert Bilder, die in der Machart genial sind, aber wie ein Aufruf zum Gang-Bang der Klon-Krieger wirken. Es sind nicht nur die erotischen / pornografischen Elemente, die den Betrachter zum Voyeur machen.
Darüber hinaus wird das eingangs erwähnte Verschmelzen wortwörtlich genommen ("Conducted love, brought us alight - The fire blends - Beginning never end") und ad absurdum geführt bzw. über einen "gesunden" Punkt hinaus. So wird der Betrachter mehr und mehr zum stillen Teilnehmer eines verboten wirkenden Rituals von der Körperfusion der Geklonten. Die Anzahl der Protagonisten verstärkt hierbei noch die Irritation, die bei Casper eher aus der Singularität herrührte.


Aber ähnlich "verstört" mag 1941 das Publikum auf Werke wie das von Karel Teige, einem tschechischen Surrealisten, reagiert haben ...

Karel Teige // Collage Nr. 196 // 1941